Predigt Susanne Zingel am Tag der Gastfreundschaft

07. September 2014

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war, der da ist und der da kommt. Amen

„Gastfreundlich zu sein, vergesst nicht, denn so hat schon mancher einen Engel kennengelernt.“ (Hebräer 13, 2) Was könnte es besseres geben als dies Wort aus dem Hebräerbrief in einem zu bedenken, in dem so viele Gäste sich versammeln.

Hier auf dieser Insel, auf einer Urlaubsinsel, braucht es einen Ort wie St. Severin, um Gastfreundschaft zu bedenken zu ergründen und für sich anzunehmen.

Gastronomie und Tourismus sind erst einmal anderes Gewerbe als die Tugend der Gastfreundschaft. Beides kann ganz nah beieinander liegen und doch braucht es eine gewisse Weisheit, um möglicherweise das eine im anderen zu finden.

„Gastfreundlich zu sein, vergesst nicht.“ Was Gastfreundschaft heißt, einen Fremden aufzunehmen, das kann uns bald eher, einer der nun bald 100 Asylbewerber auf dieser Insel vermitteln. Wenn wir die Zeit haben und die Gelegenheit, ihn oder sie kennenzulernen, ihre Geschichte zu hören.

Gastfreundschaft ist kein Gebot, keine Vorschrift. Es ist eines der ältesten und kostbarsten Kulturgüter, die die Menschheit hervorgebracht hat. Es heißt nicht ab und an oder öfter großzügig seine Freunde zu bewirten, es heißt den Unbekannten, den Fremden willkommen zu heißen und ihm als Botschafter des Himmelreichs die Tür zu öffnen. Eines der ältesten und kostbarsten Kulturgüter, die Gastfreundschaft stammt aus der Zeit, in der Menschen nur im Verband als Sippe überleben konnten. Geborgen als Nomaden, in kleinen Zelten, alle miteinander. Gefährlich war es und oft doch notwendig, dass sich einer oder eine kleine Gruppe allein auf den Weg machen musste, um den Weg vorausschauend zu erkunden, Botschaften Zurückgebliebenen zu überbringen oder das bisschen, was erwirtschaftet wurde, auf den Märkten zu verkaufen. Wer so aufbrach, den begleiteten tausend Gebete, Bitten um Segen und Bewahrung und zugleich die Verunsicherung, ob diese Gebete erhört werden. Diese Verunsicherung, dieses liebende Nachgehen denen, die an einem anderen Ort sind, ist der Anfang, der Bereitschaft einen Fremden aufzunehmen als wäre es der eigene Sohn, die eigene Tochter. Denn, wer so einen Fremden aufnimmt, der stärkt in sich die Hoffnung, dass an anderen Orten der eigene Sohn, die eigene Tochter an fremden Orten genauso gastfreundlich empfangen wird.

Gasfreundschaft ist über lange, lange Zeit hinweg gewachsen als eine Vergewisserung und eine Kunst, wie wir Menschen uns vertrauen können. Und zu entdecken, dass man von Fremden viel lernen kann. In einer Zeit in der es keine Medien, kein Telefon gab, waren durchreisende Menschen die einzige Möglichkeit zu erfahren, was sich an anderen Orten und hinter weiten Horizonten tat. Fremde konnten aus fremden Ländern spannende Geschichten erzählen. Und sie brachten Nachrichten von Krieg oder Frieden, Krankheit, Hilfe oder Gefahr. Bis heute ist es und bleibt es wahr, wer nur bei sich bleibt, der wird das Gefühl und das Bewusstsein dafür verlieren, wer er oder sie eigentlich ist. Wenn wir anfangen unsere kleine Welt, in der wir zu Hause sind, selbstverständlich zu nehmen, dann werden wir uns an sie gewöhnen. Und wir werden uns darüber hinwegtäuschen, dass gar nichts, wirklich überhaupt gar nichts auf dieser Welt selbstverständlich ist. Einen Ort zu haben, an dem du dich sicher fühlen kannst, ist ein Geschenk und eine Gnade. Und auch wir selbst. Wer nur bei sich selbst bleibt, der wird sich über sich selbst täuschen. Wird sich sicherer fühlen, größer, wichtiger. Nur im Spiegel des anderen kann uns bewusst werden, wer wir sind: Was das Besondere und auch Einmalige in uns, an uns und  um uns ist. Sicherheiten können trügerisch werden, wenn wir uns nicht der Begegnung immer wieder mit dem Anderen, mit dem Fremden aussetzen. Was für ein Verlust, wenn die Gnade, das Geschenk von einem Zuhause aus Gewohnheit gewöhnlich wird. Und das alles droht dem, der sich in seiner eigenen kleinen Wohnung zu wohl fühlt und irgendwann gar nicht mehr spürt, dass sie zu klein ist für die Sehnsucht seines Herzens, für die Tiefe seiner Seele und die Weite seines Geistes. Der Mut,  sich ungewohnten – da ist es auch drin ungewohnte Dinge, ungewohnte Bewegung, dort wo du noch nicht gewesen bist – der Mut sich dem auszusetzen, kann uns die Augen immer wieder neu öffnen für unser Leben, für die Welt, für die Wunder, das Geheimnis und die Fülle.

Wir leben heute in Zeiten größter Informationsdichte und größter Mobilität. Viele können sich an fast alle Orte hindenken, manche überall hin reisen und wenn wir wollen, können wir uns über alles informieren. Wir sind hier mit St. Severin an einem Ort, wo auch viele ankommen und wir schauen und erleben mit, wie Menschen unterwegs sind. Vor einer Weile besuchte uns eine Gruppe, ich glaube, es war die erste Gruppe, die sich auf einen Kreuzflug um die Welt machte. Keine Kreuzschifffahrt, sondern mit einer Boeing kreuzfliegend um die ganze Welt. Dafür brauchen sie drei Wochen. Dieser Kreuzflug begann auf Sylt, auf einer kleinen Insel im großen Meer. Und diejenigen, die die Reise vorbereiteten, meinten, dass ein Reisesegen, wenn man so viel fliegt, doch nützlich sein könnte. Also kam die Gruppe hierher, wurde von einer friesischen Trachtengruppe begrüßt, trank draußen Champagner und kam dann hier in die Kirche, um einen Reisesegen zu empfangen. Und das war wirklich sehr berührend. Danach blieb ihnen ein Nachmittag, ein Abend, schlafen, ganz früh aufstehen, denn morgens ging schon der Flieger nach New York.

Glaubt ihr, dass an einem verregneten Nachmittag, wie dieser nun einmal war, sich die Schönheit dieser Insel einem Menschen erschließt? Oder ob es überhaupt möglich ist, der Natur oder einem Menschen hier auf dieser Insel wirklich zu begegnen? Das kannst du dir für kein Geld der Welt kaufen, es braucht Zeit. Und den Augenblick, Kairos, in dem es möglich wird.

Gestern kam eine ganz andere Reisegruppe  an. Mit einem Bus erkunden sie in drei Tagen Schleswig-Holstein. Und acht Stunden davon verbringen sie auf Sylt und haben 15 Minuten Zeit an St. Severin zu halten.

Gastfreundschaft hat auch damit zu tun, die Bedürfnisse der Reisenden ernst zu nehmen. In 15 Minuten schaffte es eine 50-köpfige Reisegruppe genau einmal zu dem Häuschen (Klohäuschen gemeint) (Lachen). Wer sich hinten anstellt, kann die Zeit nutzen, um kurz in die Kirche hineinzukommen. Und dann freut man sich, dass man 70cent gespart hat.

So unterschiedlich können Reisegruppen sein und doch zeigen beide Geschichten, dass es wirklich schwer sein kann in unserer heutigen Zeit an einem Ort wirklich anzukommen. Wirklich da zu sein. Und jeder Gast gibt einem etwas mit, beide Gruppen fragen uns, wie offen sind wir, wieviel Zeit haben wir uns einzulassen, an einem fremden Ort anzukommen bis er sich uns öffnet? Bis uns etwas berührt? Bis wir uns interessieren? Bis Menschen uns begegnen und uns Geschichten erzählen? Wie bereit sind wir, da wo wir leben, uns, wenn uns ein Fremder begegnet, uns unterbrechen zu lassen, im Alltag kurz innezuhalten und es für möglich zu halten, dass der andere dir etwas zu erzählen hat, daherkommt vielleicht sogar als ein Botschafter vom Himmelreich.

Wir finden uns hier ein in Gottes Haus, in dem wir alle Gäste sind. Diese Kirche gehört keinem Menschen und ist offen für alle Menschen. Sie ist als Kirche ein gastfreundlicher Ort, denn hier kann jeder als Fremder eintreten und ist eingeladen so lange nachzuspüren, bis etwas in dir ankommt, bei dir selbst und im gleichen Moment bei Gott. Oder bei Gott und im gleichen Moment bei dir selbst. Dass sich diese Grenzen ganz zart berühren, wir haben davon gesungen im Eingangschoral, „Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast.“ Das Tor zu deinem Herzen ist das Tor Gottes. „Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast[S1] .“ Gott in mir und wir in Gott, einer will und kann in dem anderen zu Hause sein und doch werden wir, Gott und Mensch,  uns immer fremd bleiben. Gott wird immer überraschend, anders, größer oder feiner, tröstend, wo wir vielleicht glauben im Unrecht zu sein und zurechtbringend, wo wir uns ganz im Recht meinen. Der ewige Gott kommt, uns zu helfen, uns kleine irdischen Gestalten zu segnen mit seiner Gegenwart und uns hineinzuhelfen in eine neue, andere und doch die eigentliche Welt.

Gott wird uns immer mit seinem Anderssein herausfordern. Er wird uns mit seiner Liebe umgeben und doch unsere Horizonte so weit ziehen, dass es uns irritiert. Nicht unsere kleine Liebe ist der Maßstab aller Dinge, sondern Gottes Friede höher als alle Vernunft.

Und so kann man nachlesen in der Heiligen Schrift, dass am Anfang Gastfreundschaft und Gottesbegegnung wie selbstverständlich ineinander fallen. Gastfreundschaft dient am Anfang der Beherbergung von Menschen, aber darin um die Begegnung mit Gott.

Wir haben die Geschichte von Abraham gehört, er selbst, der in Zelten als Nomade lebte, ein Fremdling im gelobten Land. Zu ihm kommt der Herr, so heißt es: „Der Herr aber kam vorbei.“. Und er kommt in Gestalt von drei Männern, die sich vor sein Zelt setzen. Und Abraham überschlägt sich, sie zu bewirten, holt Speisen und zu trinken. Wer den Text aufmerksam liest, wird nie wissen wie viele Tellerchen er eigentlich hinstellte. Denn mal war es der HERR und dann wieder drei Männer oder drei Engel. So wie Andrej Rubljow es auf der Dreifaltigkeitsikone gemalt hat. Die drei Engel auf ihrem Gottesdienstzettel, die bei Abraham zu Gast sind und alle von einem Teller essen. Gott segnet Abraham und Sarah, indem er ihnen begegnet in drei Unbekannten. Und Abraham nimmt diesen Segen an, indem er gastfreundlich sie bei sich willkommen heißt. Wer weiß, was wäre geworden, hätte er sie einfach nicht beachtet? Oder als Bedrohung empfunden? Der Segen, dreifaltig, hilft Abraham und Sarah lachend über die engen Grenzen ihrer Vorstellungen hinweg. Das Kind, das geboren wird, Isaak, heißt „das Lachen“. Abraham, mein Vater, ist „groß“. Abraham und Isaak, sein Sohn heißt „Das Lachen“, weil Sarah sich kaputtlachte.

Solche Geschichten finden sich am Anfang der Heiligen Schrift all überall. Lot wird gerettet, weil er des nachts zwei Männer aufnimmt, die sich in sein Haus flüchten, weil die Männer in Sodom und Gomorrha sie als Fremden totschlagen wollen. Lot nimmt sie auf, deckt den Tisch für sie und er glaubt ihnen, als sie sagen, „Morgen wird diese Stadt untergehen“. Und er packt in der Nacht alles zusammen, nimmt seine Familie und die Engel, oder sind es zwei Männer, sie führen ihn vor Morgengrauen aus der Stadt und sie werden gerettet. Mose überlebte in der Wüste als er aus dem Land der Ägypter flüchtete und bevor der Dornbusch für ihn brannte, weil die Nomaden ihn in ihre Zelte aufnahmen. Die Witwe nahm den Propheten Elia auf, sie hatte nur noch ein Stück Brot und einen Krug Wasser. Sie nahm ihn auf und teilte mit ihm und ihrem Kind das letzte Stück. Fortan versiegt aber das Öl nicht mehr im Krug und der Topf mit Mehl wurde nie mehr leer.

Gastfreundschaft kann retten und helfen. Gastfreundschaft ist, wenn wir nachdenken wie Frieden in dieser Welt möglich ist, das allererste und beste Mittel. Wer über Grenzen hinweg in dem, was man Feinde nennt, einen wahren Freund findet, wird nie mehr auf Ideologien hereinfallen. Frieden und Versöhnung kann dort wachsen, wo Türen sich öffnen und Menschen sich wirklich, wirklich in einem Raum an einem Tisch im Lichte Gottes sehen. Stärkend, tröstend, versöhnend, zurechtbringend können wir einer dem anderen zu einem engelsgleichen Begleiter werden. Und alles, was ist, kann sich verwandeln hinein in ein Fest, in eine Freude, die das Himmelreich auf Erden in sich trägt.

Gastfreundschaft heißt, dass unser Vertrauen, das wir in Gott gründen, langsam und langsam und immer tiefer hineinwachsen kann in ein Vertrauen zueinander. Dass es ein Segen ist, Türen zu öffnen, Grenzen zu überschreiten, Anderes und Fremdes wahrzunehmen. Es kann an allen Orten stattfinden. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter euch“, spricht Jesus. Er kam als Heiland der Welt und die Seinen nahmen ihn nicht auf, aber in einem Stall geboren, wurde er zu einem Gastgeber für Hirten und Könige. Er war ein Wanderprediger und hatte keinen Platz sein Haupt niederzulegen und wurde doch, wo immer er war, zum Gastgeber für alle. Er saß in Häusern und an Tischen, die ihm nicht gehörten. Er brach das Brot, das die Menschen ihm brachten. Er teilte eine Fülle aus, die schon vorher da war. Er kehrte ein bei dem reichen Zachäus und es war mehr als genug für alle da. Eine Fülle, die da ist, sich aber nur im Segen verwandeln lässt, wenn wir sie nehmen aus Gottes Hand. Fremde sind wir an fast allen Orten dieser Welt, berufen in Christus sind wir alle miteinander, uns gegenseitig Räume zu öffnen, Grenzen zu überschreiten, auf dass der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft uns segnen und behüten kann, einströmen kann, wo immer wir sind und durch Christus Jesus unsere Herzen und Sinne bewahrt jetzt und alle Zeit. Amen.


 

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