Predigt Pastorin Zingel - Tag des Friedhofs

15. September 2013

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

 

Das musste noch gesungen werden. Jesus ist stärker als der Tod. Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Das ist nicht nur uns gesagt am Ostermorgen, wo wir die Auferstehung Jesu feiern und uns freuen und dann wieder vergessen, sondern es heißt für uns jeden Tag aufs Neue aufzuerstehen in das lebendige Leben, den Tod nicht zu fürchten, weil wir eine Macht kennen, die stärker ist als wir. Von Erde genommen und doch durch Gottes Geist lebendig: das sind wir Menschen. Erde zu Erde.

Und weil das Wort Erde der Humus ist – „Humus“ heißt es richtig übersetzt: Von Humus genommen zu Humus werdet ihr werden – lebendige Erde. Lasst es uns mit Humor auch nehmen und mit Humor beginnen. Denkt an den Münchner im Himmel. Und wir beginnen mit einem Witz: schiebt ihn weit – zwei, drei Legislaturperioden und noch weiter – aber dann kommt irgendwann der Tag auch und Angela Merkel stirbt. Sie kommt direkt in den Himmel und weil sie viel gegeben, eine wichtige Person des öffentlichen Lebens ist, kommt Petrus sofort zu ihr und meint: „Angela, du hast viel für die Menschen getan, vor allem hast du große Opfer gebracht. Du selbst bist in deinem Leben oft zu kurz gekommen. Und deshalb werden wir dir die Wahl geben. Einen Tag darfst du in die Hölle, einen Tag darfst du in den Himmel und danach darfst du wählen, wohin du willst.“ Petrus geht mit Angela. Sie fahren hinab, erster Tag in die Hölle und sie trifft viele Freunde, die begrüßen sie, sie spielen Golf, sitzen am Swimming-Pool, Wellness, all das was zu wenig war in ihrem Leben, aber auch Restaurants, essen, trinken, Musik. Der Teufel ist total nett, immer entspannt dabei. Ein schöner Tag. Am nächsten Tag kommt Petrus wieder und sagt: „Jetzt gehen wir in den Himmel.“ Das ist genauso, wie man sich das vorstellt, wir Menschen im Himmel. Wolken, Harfen, Gesinge, Halleluja. Jeder für sich, alles harmonisch. Aber etwas öde. Angela geht es ihr auch gut und einen Tag später kommt Petrus und fragt: „Hast du dich jetzt entschlossen?“ Sagt Angela Merkel: „Ja, obwohl das Paradies ganz schön ist, möchte ich lieber in die Hölle, du weißt ja, ich bin immer da, wo sich was tut.“ Petrus nimmt sie mit, wieder nach unten, klopft an die Tür, die Tür geht auf, zwei Hände ziehen Angela hinein und in einer Sekunde ist sie verschwunden. Steht sie da, mitten in der Wüste, quälende Hitze, kein Wasser. Freunde tragen schwere Säcke, zerrissene Kleider, müssen Mist und Unrat sammeln. Der Teufel kommt, gibt Angela auch so eine, so eine Jute-Tüte und sagt, dass sie jetzt auch anfangen soll, Unrat und Mist zu sammeln. Fragt Angela Merkel völlig verwirrt: „Wo ist der Golfplatz, das Restaurant, die netten Leuten, das Schwimmbad und wo ist die Musik?“ Antwortet der Teufel: „Gestern war vor der Wahl, heute ist nach der Wahl.“ (Lachen)

Ich mag diesen Witz, auf vielen Ebenen. Einmal weil wir jetzt ja alle wählen und er ist wirklich gewitzt, denn er hat zu tun mit unserem Leben, politischen Erfahrungen und mit Realitäten und er ist auch noch freundlich. Ja? Und er hat auch zu tun mit der Realität von Wahl und Freiheit. Und das Ganze ist sehr klug zusammenkomponiert im Angesicht des Todes. Nämlich dort, wo wir eigentlich keine Wahl haben. Im Tod sind wir alle gleich, da gibt es keine Wahl. Der Tod ist am Ende immer der Stärkere. Er kommt, wie er will. Er fragt uns nicht. Er fragt nicht, was wir wollen, wir können nicht wählen, er macht, was er will. Am Ende ist der Tod immer der Stärkere. Auf eine gewisse Weise müssen wir alle zutiefst davon überzeugt sein, dass das so ist. Und es ist auch allgemein herrschende Meinung, so du nichts weißt von Heilig Geist und über dich hinaus. Am Ende ist der Tod der Stärkere. Wie groß der Anteil dessen ist, dass wir auch davon überzeugt sind, das merkt man daran, dass wir allzu gerne den Tod verdrängen.  Er würde auch unsere Alltagsbewegung und Alltagswirken aus dem Takt bringen, uns verunsichern, im Alltag verdrängen wir ihn. Wir sprechen nur über ihn, wenn er sich in unser Leben drängt. Das heißt, wenn Tod und Trauer uns anrührt. Dann merken wir gleichzeitig wie ungeübt wir sind im Reden über den Tod. Gestern haben wir hier wieder eine Hochzeit gefeiert und wieder wurde gesagt wie es viele von Euch getan haben: „Ja, ich will. Bis dass der Tod uns scheidet.“ Die Liebenden sind die, die als erste es wagen, weil eine jede Liebe Ewigkeit will und Dauer und so sind sie die ersten, die der Wahrheit ins Gesicht schauen und sagen „Ja, bis dass der Tod uns scheidet.“ Und den jungen Paaren und jedem Paar ist zu wünschen, dass sie das nicht nur einmal sagen, sondern, dass sie darüber sprechen. Denn es wird der Tag kommen, da bleibt einer alleine zurück. Und trösten kann dann, den der zurückbleibt, wenn man  gemeinsame Bilder hat, wenn man darüber gesprochen hat. Wenn man weiß eine Musik, ein Klang, ein Gedicht, das ist aus Ewigkeit her zu Ewigkeit und wird trösten über alle Zeit hinweg. Wir sind gefragt, nicht wie wir den Tod überwinden. Das hat Christus für uns getan. Wir sind aber gefragt, wie wir uns zum Tod verhalten und da können wir wählen. Das ist nicht festgelegt. Da können wir entscheiden, wir können uns einladen lassen auf einen Tag auf dem Keitumer Friedhof. Wir können uns freuen darüber, dass der Förderkreis sagt, wir machen die Sanierung der historischen Grabsteine zu unserer Sache. Wir können uns freuen dass wir Sie, Frau Silligmann und Ihr ganzes Team, jetzt schon mehrfach hier begrüßen dürfen, das ist eine feste Verbundenheit. Daran zu arbeiten, dazu kann man sich entscheiden, das kann man wählen. Man kann es auch lassen. Man könnte heute auch etwas anderes machen.

In der Kultivierung des Umgangs, unseres Umgangs mit dem Tod, da sind wir frei und da sind wir auch gefragt. Und wir sind alle gefragt miteinander, dass unser Friedhof ein lebendiger Ort wird, der uns zum Leben hilft. Ein lebendiger Ort, der uns zeigt: Du hast die Wahl. Und du kannst dich daran mitbeteiligen, dass unser Friedhof sei ein Ort des Friedens, da wo einer ganz für sich und allein ist und gleichzeitig immer neu, wo wir uns für das Leben und auch für die Gemeinschaft entscheiden. Das, was wir heute alles heute begehen und bedenken, kann keiner alleine. Dazu können wir eine kleine Zeitreise machen. Ich stelle mir vor – da wäre ich ehrlich gern dabei gewesen – irgendwann ist der Grundstein für diese Kirche gelegt worden. Aber irgendwann – und das war vor dieser Zeit –  hat es auch einmal die erste Bestattung hier oben gegeben. Denn schon in vorchristlicher Zeit war diese Erhöhung, dieser kleine Hügel ein Kultplatz. Und schon in vorchristlicher Zeit sind hier Menschen begraben worden. Wenn es möglich wäre, würde ich mir wünschen, dabei gewesen zu sein, als es begann. Als sie diesen Ort ausgesucht haben, da haben sie gewählt. Verschiedene Orte ganz bestimmt, es sind auch Friedhöfe vergangen. Das Meer mag sie genommen haben, sie haben sich nicht bewährt. Dieser Ort ist über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende hinweg ein Ort des Erinnerns und Gedenkens der Grenze von Leben und Tod.

Menschen haben diesen Platz gewählt. Und das, was im Großen geschieht, geschehen ist und immer neu geschieht, diesen Weg geht im Kleinen jede Familie nach, die über den Friedhof geht und für sich ein Grab wählt. Das wählt man ja auch aus. Man trifft eine Entscheidung: ‚Was ist dir wichtig? Der Blick übers Meer, auf die Kirche oder die Nähe zu einem anderen Grab? Möchtest du neben jemandem liegen oder vielleicht gerade ganz alleine?‘ Menschen haben diese Wahl getroffen, manche souverän und frei für sich selbst. Für andere haben andere gewählt, die ihnen hinterhergeschaut haben. Unser Friedhof ist ein seltener Friedhof, denn hier berühren sich nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Land und Meer. Ewigkeit und unsere kleine Welt liegen hier damit näher verbunden als an manch anderen Orten, anderen Friedhöfen. Viele, die als Gast auf unseren Friedhof kommen, sagen, hier können sie es aushalten, dass unser Leben nicht ewig währt, dass es einen Anfang und ein Ende hat. Hier ist es vorstellbar, ohne dass es Angst macht. Auf dieser Grenze, hier kann man furchtlos ohne Angst dem Tod begegnen.

Jedem Gast hier auf der Insel begegnet in irgendeiner Form auf Fahne, Flagge, Tasse, Radiergummi oder in realer Gestalt, die Sylter Piraten. Die Sylter Piraten, von denen man ja sagt, sie fürchten nicht Tod und nicht Teufel. Vielleicht kann man von denen ja etwas lernen, wie Christopherus, der ging doch auch los zu suchen den einen, der sich nicht vor dem Tod fürchtet. Nur Piraten fürchten etwas ganz anderes, viel kleiner. Sie haben die Verbindung zu ihrer Familie gekappt, sie sind durch gemeinsame Schuld zusammengeschweißt, sie können niemals mehr zurück ohne ihr Leben zu verlieren und das ist keine Souveränität, sondern es ist die allergrößte, tiefste Anhängigkeit von der Crew auf diesem Piratenschiff. Das ist nicht zu idealisieren und irgendwie romantisch zu zeichnen. Jahrhunderte zurück war Piraterie damals so schrecklich wie heute. So ein Mensch, der scheinbar Tod und Teufel nicht fürchtet, verbreitet nichts als Angst und Schrecken.

Tod und Teufel nicht zu fürchten, ist ein ganz anderes souveränes Bild. Wirklich souverän zu werden und angstfrei werden wir nie werden, aber vor der Angst nicht zu kapitulieren, das ist ein Ziel. Dazu fallen uns alle Bilder ein, die wir gesehen haben, vielleicht im Film, in einer Dokumentation, vielleicht war einer selbst dabei, wenn in den Südstaaten eine Trauerfeier, wenn der Trauerzug mit Musik von der Kirche bis zum Friedhof mit Musik daherkommt. Alle zeigen die Lebendigkeit, die Harmonie bricht nicht ab an dieser Stelle. Wir hören nicht auf zu tanzen und zu singen, denn im Himmel werden wir weiter tanzen und noch schöner singen als hier. Oder vielleicht in Mittelamerika, wenn dort Ewigkeitssonntag gefeiert wird, dann ist das nicht wie bei uns still und leise im November, dann werden alle Namen vorgelesen von denen, die im Jahr zuvor gegangen sind. José, Ines, alle werden aufgezählt. Und dann fragt man in die Gemeinde rein und die Gemeinde ruft „Hier – Präsente! – sind da“. Also wenn man sie aufzählt, sind sie noch da? Ja, sie sind hier. So antwortet die Gemeinde und es wird auch mit fröhlicher Musik geantwortet. Es gab eine Zeit hier in dieser Kirche da gehörte es zur mittelalterlichen Osterliturgie, dass man bevor das Osterlicht einzieht, sich alle nach Westen umdrehten – denn im Westen sitzt der Tod im Osten das Leben und die Auferstehung –  also drehen sich alle um und spucken dem Teufel auf den Kopf. Also mindestens sagen sie „Ph!“ und  drehen sich wieder zurück hin zur aufgehenden Sonne und sagen dem Tod und Teufel: „Du bleibst draußen!“

Das sind Bilder von Menschen entworfen, Bilder die das Leben in Christus souverän  dem Tod gegenüberstellen. Und paradoxerweise wachsen all diese Bilder dort, wo wir ohne jegliche eigene Kraft, ohne eigen Werk doch daran glauben, dass es etwas gibt: Eine Liebe stärker als der Tod, Christus, der durch den Tod gegangen ist, eine Macht, die uns hilft, dass wir nicht zurückbleiben, sondern mit dabei sind. Nochmal können wir auf so ein Bild schauen. Es ist hier in der Kirche die Engelreihe an der Empore. Engel neben Engel neben Engel und ihr sitzt dadrüber. und ganz hinten kann man sehen Engel, Engel, Engel, … plötzlich:  kein Engel, ein Mensch. Das ist derjenige, der diesen Engeln allen ein Gesicht gegeben hat, es ist der Holzschnitzer selbst.  Schaut Euch das  beim Hinausgehen noch einmal an. Der Holzschnitzer hat sich hinten angestellt.  Er hat uns Bild vorgemalt, wie er es gern hätte. Welche Lieder, Choräle er gesungen hat, manchmal singen wir heute „Oh when the saints go marching in, I want to be in that number.“ Und wenn ich die letzte bin, die sich hinten anstellt, möchte ich gern dabei sein. Ein Bild hinein in unsere Kirche geschnitzt uns hier zu sagen, fangt an zu glauben und mutig zu sein. Es gibt eine Liebe, stärker als der Tod, eine Kraft, die dich im Leben hält, jetzt und alle Zeit. Und das alles im Frieden Gottes, der höher als alle Vernunft unsere Herzen und Sinne bewahrt und Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

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