Predigt Pastorin Susanne Zingel am Ostermorgen

31. März 2013

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

Er hatte sich schweren Herzens verabschiedet. Dieser Urlaub stand ihm bevor. Es war die erste Reise nach dem Tod seiner Frau. Zusammen waren die beiden so viel gereist – und immer hatten sie gerade unterwegs die allerschönste Zeit miteinander erlebt. Nun fuhr er das erste Mal allein. Er hatte eine Reise gebucht, die ihr gefallen hätte. Es ging um die halbe Welt, aber er sah sich schon allein am Strand und stellte sich vor, wie er sie all überall da am Wasser sehen würde. Wie er immer denken würde, wie sehr ihr das hier jetzt gefallen hätte. Und er fürchtete, dass Palmen und ein Pool grausamer sein können als eine leere Wohnung.

Aber es kam ganz anders: Auf dem Flughafen kam es zu Verzögerungen, das Gepäck ließ auf sich warten, die Reisenden fingen an sich zu unterhalten und er kam mit einem Mann ins Gespräch. Sie teilten sich das Taxi auf dem Weg in die Stadt. Unterwegs erzählte der andere von einer Exkursion. Er wäre ein Forscher, Biologe und  wollte Vögel am Amazonas beobachten. Er würde mit einer kleinen Gruppe mit einem Boot den Fluss hinauf fahren und ganz tief hinein in den Urwald vordringen. Es dauerte nicht lange, da redeten sie hin und her: „Aber selbstverständlich ist noch Platz in diesem Boot“ und. „OK - du bist dabei.“ Sie fuhren zum Hotel. Der Mann checkte ein, eine Suite für  zwei Personen wird ihm aufgeschlossen. Er stellt seinen großen Reisekoffer mitten in den Raum hinein, nimmt seine Zahnbürste und geht mit leichtem Gepäck sofort wieder davon.  

Fünf Tage sind sie unterwegs auf dem Fluss in den Amazonasurwald hinein. Sie schlafen in Hängematten eingehüllt in ein Moskitonetz, sitzen am Abend am Feuer die Sterne über sich. Sie erleben das Dunkel der Nacht mit unheimlichen Geräuschen und den Aufgang der Sonne, wenn ganz früh die Vögel anfangen zu  singen, zu krächzen und zu zetern. Noch nie hatte er in seinem Leben so etwas erlebt. Es war einmalig für ihn und ist eine österliche Geschichte: 

So wie ein Engel zu den Frauen am Grab kommt, kommt der Fremde zu ihm und wird sein Begleiter.  

Wie das leere Grab nicht mehr gebraucht wird, steht die Suite da – das leere Zimmer, bezahlt, aber tot und wird nicht mehr gebraucht.

Was er braucht, ist ein Freund - einer, der ihn begleitet - einer, der Zeit hat und schweigen kann und seinen eigenen Weg geht. Was er braucht, ist Zeit und Anstrengung und die Sterne und  ein Feuer und den Fluss und sich selbst als einen Teil in diesem Ganzen.

Dass das nicht nur fünf wunderbare Tage waren, dass er nicht wieder so zurückkommen wird, wie er losgefahren ist, das spürt er ein paar Tage später. Er entdeckt, dass wirklich etwas Neues begonnen hat: Tage später ist er in einem Bus mit anderen Touristen unterwegs. Irgendwann muss man sich ja wieder einfinden.  Sie kommen an einen Fluss, einen sehr breiten Fluss, aber da ist keine Fähre. Es gibt keinen Weg hinüber, die Touristen beschweren sich. Der Reiseleiter ist am Ende. „Was für eine schlechte Planung ist das?“ Der Ausflug ist hier zu Ende. Die Touristen steigen wieder in den Bus und fahren zurück ins Hotel. Früher als seine Frau noch lebte, da wären sie wohl beide auch in den Bus gestiegen, wären beide mit zurückgefahren ins Hotel und hätten es sich da schön gemacht. Aber jetzt fährt er nicht mehr mit. Er steigt nicht ein, sondern setzt sich an den Fluss und wartet. Da gibt es ganz schnell keine Gäste mehr, sondern nur noch Einheimische und die warten alle. Die Fähre, die kam dann Stunden später, und sie war so abgewrackt, dass er meinte: „Meine Frau wäre niemals da hinaufgegangen. Niemals  wäre sie mitgefahren.“ Aber er fährt hinüber und erzählt: „Auf diesem Fluss“ und sie fuhren fast eine Stunde, „auf diesem Fluss, da war ich zum ersten Mal richtig glücklich und alles war gut. Und das Entscheidende, es war alles gut, gerade weil alles anders war, denn darum war es genauso wie früher. Wir waren inniger verbunden und sie war so nah bei mir, als würde sie neben mir an der Reling stehen. Es war ganz anders, aber es war genauso wie damals, als wir gemeinsam unterwegs waren und jeder Tag ein Abenteuer war.“

Alle Ostergeschichten erzählen von einer Transformation. Letzte Verzweiflung: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen,“ wandelt sich in die Gewissheit: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Trennung und Abschied verwandeln sich hinein in ein Gefühl, eine Gewissheit: „Du bist da, du bist gegenwärtiger noch als du da warst, als wir nebeneinanderstanden.“ Nichts wird sein wie vorher - aber alle Ostergeschichten erzählen von Gottes unendlicher Treue, mit der er bewahrt und behütet und uns zeigt, dass nichts verloren geht.  Nichts wird so sein wie vorher, nur du wirst der gleiche sein: Christus durch den Tod hindurch, doch wiedererkennbar kündet von einem Leben stärker als der Tod. Gottes Güte hört nicht auf, wo wir am Ende sind. Und er kommt nicht zu uns, um sich zu erweisen als der Mächtige, sondern ganz zart und fein, mit einer Geste, mit einem Wort hilft er uns hinaus und über uns selbst hinweg dorthin, wo das Leben neu beginnt.

Es gibt eine göttliche Kraft. Die uns vorausgegangen sind, sie leben in ihr. Und für uns selbst ist diese göttliche Kraft alle Hilfe über uns selbst hinauszuwachsen, dass wir schon hier das Leben in seiner ganzen Fülle von Diesseits und Jenseits, zwischen Himmel und Erde finden. Fein und zart kommt Gott mit Leichtigkeit und Engelsgeduld, mit einem einzigen Wort, mit einer großen Einladung: „Ich will Euch hinein- und hinüberhelfen.“

Dazu noch eine österliche Geschichte:

„Ich stand am Bett meines Kindes und die Ärzte sagten mir, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Und ich konnte es nicht glauben und konnte nicht Abschied nehmen und ich fuhr einfach nach Hause,“ erzählt eine Frau. Vier Wochen später geschah das Wunder. Ihre Tochter kam zurück, wachte aus dem Koma auf trotz allem, was die Ärzte gesagt hatten. Der Kampf gegen die Drogen war nicht verloren. Er war an diesem Morgen aber auch nicht gewonnen. Wie durch ein Wunder hatte sie überlebt. Das war vor einem Jahr und heute erzählt die Mutter: „Meine Tochter lebt und es ist immer noch jeden Tag neu und ein Wunder, und sie ist anders als vorher, aber ich bin auch anders. Sie ist anders als  ich sie je kannte – und ganz langsam kommen wir uns gemeinsam auf die Spur.“ Da klingt  Trauer und Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mit, aber auch Nichtwissen, wie man es hätte vorher anders machen können. Jetzt kommt es zart und vorsichtig hervor: „Sie ist anders und ich bin es auch.“

 Nicht erst mit der Auferstehung wurde Christus verwandelt. Von allem Anfang an war Jesus anders als die Menschen dachten, dass ein Messias sei. Und es war seine Gabe, Menschen zu befreien aus Verfremdung, Unterdrückung und Verquerung. Bei ihm durften die Menschen anders werden. Sie konnten sie  selbst sein, konnten heil werden, sich aussöhnen, loslassen, sich einlassen, allein sein oder zum ersten Mal wieder mit anderen. Jesus lehrte die Menschen, dass es dazu ein Gegenüber braucht. Im Spiegel des anderen wirst du sehen, wer du bist. Und du bist immer anders, als du von innen her denkst, denn wir sind nicht, sondern wir werden. Jesus lehrte nicht, dass es dazu ein Gegenüber braucht, er war den Menschen dies Gegenüber. Er sah sie an, und sie sahen sich selbst, er rührte die Menschen an und ihre Seele wurde lebendig und alle Verquerung und Verfremdung verwandelte sich in das Eigene und das Andere.

Es braucht einen anderen, der bei dir bleibt, und es braucht dich für einen anderen, vielleicht am Ufer des Flusses, vielleicht in einem Taxi - einen, der bei dir bleibt am Krankenbett und auf dich wartet.   

Das große Credo von Jesus war: „Kehret um, und ihr werdet leben:“ ‚Ich sehe dich und sehe in dir zugleich noch mehr, schöner, ja wunderschön. Ich sehe mehr als das, was vor Augen ist. Ich sehe dich frei und von Gott geliebt.‘  Die große Einladung Jesu, alles, was da ist, im Lichte Gottes zu sehen, sie geht strahlender und schöner noch für alle auf am Ostermorgen. Die Einladung, das Leben noch mutiger zu lieben, Gott noch tiefer zu vertrauen, und zu sehen, wohin das führt. Ganz bestimmt woanders hin, als wir uns in Gedanken ausmalen können. Dazu noch als ein österliches Geschenk ein Text von Peter Handtke. „Über die Dörfer“ Peter Handtke lädt ein, sich aufzumachen auf einen Osterspaziergang, sich einzulassen und dabei anzufangen:   

Spiele das Spiel - Gefährde die Arbeit. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark, sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, bleib geistesgegenwärtig bereit für das Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen und wink die andern ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Kehr ein, wo du Lust hast und gönn dir die Sonne. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt.

Beweg dich in Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer, ich komme dir nach.“  

Wer immer ich und du, wer die beiden sind - Jesus Christus, der Auferstandene ist uns auf diesem Weg voraus, gleichzeitig ist er neben uns und behütet uns mit allem, was wir sind mit Herzen und Sinnen in einem Frieden höher als alle Vernunft. Amen  

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