Pastorin Susanne Zingel (Predigtreihe "Vater unser" III)

19. Februar 2012

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde!

So führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Die letzten Tage sind Anlass genug, darüber nachzudenken. Verbunden mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten war das Wort ‚Versuchung‘ oft genug zu hören. Die Versuchung der Macht, die Versuchung der Glamourwelt, die Versuchung des Geldes. Zuletzt kam auch unsere schöne Insel Sylt als Versuchung ins Spiel. Als wollte uns einer mit der Nase darauf stoßen: Das alles hat etwas mit uns zu tun. Auf jeden Fall hat Christian Wulffs langer und schmerzhafter Abschied deutlich gemacht, dass wer über Versuchung nachdenken will, über Grenzen nachdenken muss. Es geht um Grenzüberschreitung. Um die Klarheit des Geistes und die Schwierigkeit, wirklich sagen zu können, wann eine Grenze erreicht ist. Wann ist die Grenze des Vertretbaren überschritten? Wann ist einer zu weit gegangen?

Schwer ist das, zu sagen, und gleichzeitig ist es das Urthema der Menschheit. Adam und Eva fragen sich im Paradies: ‚Warum sollte es verwerflich sein, einen von diesen Äpfeln zu essen?‘ Es ist doch nur ein Apfel. Und außerdem findet die Schlange das auch. Jede Grenzüberschreitung ist nur ein winzig kleiner Schritt, zumindest am Anfang. Jeder Tabubruch, jeder Vertrauensbruch, jeder Verrat einer Freundschaft, bis hin zum Ehebruch, bis hin zum Freisetzen krimineller Energie: Der Anfang ist immer ein Gedanke, eine Bewegung des Geistes, von außen kaum wahrnehmbar, eine Idee, eine Vorstellung, wie es aussehen könnte hinter dieser Grenze. Nur wie es wirklich ist, weißt Du erst, wenn du auf der anderen Seite bist.

Denken Sie an den großen Roman ‚Schuld und Sühne‘ von Dostojewski, an den Studenten Raskolnikow, wie er sagt: ‚Diese Wucherin! Es wäre eine bessere Welt, gäbe es solche Menschen nicht.‘ Aber nachdem er die Wucherin getötet hat, findet er sich wieder auf der anderen Seite einer Grenze, hinter der alles ganz anders aussieht. Erst wenn ich die Grenze überschritten habe, kann ich sehen, wie es dort aussieht. Das macht sie anziehend und gleichzeitig so gefährlich. Und es wird immer ganz anders aussehen als vermutet. Erst im Nachhinein können Adam und Eva erkennen, dass sie mit der Grenzüberschreitung ihre Beziehung zu Gott total verstört haben.

Erst im Nachhinein ist das möglich. Denn am Anfang kommt die Versuchung beinahe kindlich naiv daher. Versuchung kommt von Versuchen. Versuchung hat ganz einfach damit zu tun, dass wir Menschen immer versuchen müssen, ausprobieren müssen, wie es sich leben lässt. Unser Leben besteht aus vielen Versuchen herauszufinden, welche Entscheidung, welche Weichenstellung die richtige ist. Wie mache ich es richtig? Wo mache ich einen Fehler? Je feiner und sensibler wir sind, je mehr wir unsere Antennen schärfen, umso mehr werden wir merken: Überall fragt es uns. Wir versuchen es. Das heißt: Wir wissen es nicht. Nicht von vornherein. Wir können auf die Kinder schauen, die Erwachsene so nötig brauchen, um zu lernen, dass es Konsequenzen hat, andere zu verletzen, Spielregeln zu brechen, Grenzen zu überschreiten. Wir müssen sie an diesen Grenzen beeindrucken, damit klar wird: Dahinter wird etwas geschehen. Wir müssen sie beeindrucken mit einer gütigen Autorität, ohne dass sie je an unserer Liebe zweifeln. Das ist eine Kunst. Alle, die Kinder begleiten, üben sich darin. Und wir werden niemals damit fertig. Und so fängt Gott an dieser Stelle immer wieder neu mit uns an. Denn wie soll er mit uns fertig werden, die wir immer wieder diese Grenzen überschreiten? Unsere Welt ist weit davon entfernt, ein Himmelreich zu sein. Es braucht Vergebung, Liebe und Barmherzigkeit. Und es braucht auch die Klarheit des Geistes, das Böse nicht zu leugnen und seine Macht nicht zu unterschätzen.

Jesus hat die Macht des Bösen erkundet, bevor er die Bühne der Öffentlichkeit betrat. Der Geist Gottes, der bei der Taufe wie eine Taube herabkam und sagte: ‚Du bist mein geliebter Sohn‘, das war der gleiche Geist, der Jesus sofort in die Wüste trieb, an den Ort der Dämonen, der Gottesferne, der Verlassenheit. Jesus geht für 40 Tage in die Einsamkeit, dorthin, wo das Böse wohnt. Und er kommt zurück. Auch dort, an diesem Ort äußerster Gottverlassenheit ist Gott zu finden. Aber in ihm zu bleiben ist eine Herausforderung, die kaum einer vermag. Und auch Jesus kann es nur halten, indem er sich hält in Gottes Wort. Betend widersteht Jesus dem Satan.

Er setzt sich der äußersten Gottverlassenheit aus und rettet sich durchs Gebet und als er zurückkommt überrascht er, der Rabbi alle, denn er bricht alle Tabus. Er überschreitet Grenze um Grenze. Immer mit der Botschaft verbunden: Ihr Frommen, ihr religiösen Autoritäten, ihr unterschätzt allesamt das Böse. Ihr kümmert auch um den Splitter im Auge des Bruders und ihr seht den eigenen Balken nicht. Um den Menschen die Augen zu öffnen, bricht Jesus alle Tabus. Der Schabbat ist nicht mehr heilig, wenn es um die Heilung eines Menschen geht. Er war zusammen mit Sündern, Zöllnern und Huren, mit Menschen, die alle Verabredungen bürgerlicher Rechtschaffenheit durchbrochen hatten. Mit ihnen betete er: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Er holte Menschen aus ihrer Verzweiflung und schloss ihnen eine neue Zukunft auf.

Jesus nahm sie mit hinein in eine fast unauflösliche Spannung, denn wie soll das möglich sein: Du, Gott führe uns nicht in Versuchung? Wie soll es möglich sein, dass ein gütiger Gott uns in Versuchung führt? Gott behütet, Gott rettet, Gott segnet, Gott bewahrt uns. Noch in jeder Versuchung hilft er uns, widerständig zu sein. Ja, aber das steht da nicht. In dem Gebet Jesu steht: Gott, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Ganz bestimmt weiß einer, der vom Zoll aufstand und alles Geld, erworben durch Bestechung und Erpressung zurückgab, ganz bestimmt weiß einer, der in Spielsucht seine Familie verloren, ganz bestimmt weiß einer, der trockener Alkoholiker ist, mehr darüber als die meisten von uns, was das für eine Spannung ist: Führe uns nicht in Versuchung, nimm uns nicht mit auf solche Wege. Es bleibt eine Spannung: Gott erlöst uns und er befreit uns, aber er bewahrt uns nicht vor existenziellem Ringen, vor der Möglichkeit, sich zu irren, den falschen Weg einzuschlagen, sich sogar mit dem Bösen zu verbünden. Gott bewahrt uns nicht vor Phasen tiefster Verunsicherung, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Er rettet uns nicht hinüber in ein Himmelreich auf Erden, wo alles leicht und wie von selbst geht.

‚Weiche von mir Satan‘, sagt Jesus zu seinem engsten Vertrauten, zu Petrus, als dieser ihn überreden will, doch lieber umzukehren und davonzulaufen und damit sein eigenes Leben zu retten, als wäre das das einzige, was wir haben in dieser und in jener Welt. Und Jesus sagt: ‚Weiche von mir, Satan,‘ zu seinem besten Freund. ‚Versuchung‘ heißt nicht, dies oder jenes zu tun oder zu lassen, sondern es heißt, die Grenze zu überschreiten, wo wir aus der heilenden Sphäre Gottes herausfallen, wo wir eine Grenze überschreiten und etwas anderem folgen als Gott selbst.

Diese Grenze liegt nicht in Gott, denn Jesus hat den Weg des Vertrauens eröffnet, dass auch hinter jener Grenze Gott zu finden ist. Aber wir haben dort keine Antennen mehr, unsere Seele ist zu klein, unser Geist zu schwach, um sich dort zu behaupten. ‚Weiche von mir Satan‘, so betet Jesu in der Wüste. Und er verschwindet. Denn ganz für sich, ‚in der Wüste‘ symbolisch gesprochen, existentiell erfasst ist der Satan nichts weiter als ein Popanz. Seine Macht gewinnt er nur daraus, dass wir ihm folgen, an ihn glauben, ihn fürchten, uns einreden lassen, er hätte irgendeine Macht.

‚Bete mich an, und ich will dir alle meine Macht geben.‘ Und Jesus antwortet: ‚Du sollst Gott, deinen Herrn, ganz allein lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft.‘ Aug in Aug mit dem Bösen flüchtet Jesus sich in das Gebet, das Schema Jisrael und ist wohlverwahrt und der Satan löst sich auf. Denn auch dort, wo wir mit unserer Frömmigkeit nichts spüren, auch dort ist Gott zu finden.

Wir gehen in die Passionszeit. Betend wird Jesus diesen Weg gehen. In Gethsemane: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille, Gott, geschehe.‘ Betend sind wir mit Jesus verbunden. Betend kann er uns helfen, das Böse als Popanz zu entlarven, ihm seine Macht zu nehmen, indem wir uns nicht von ihm beeindrucken lassen. Nur, am Anfang der Passionszeit, schon das Kreuz vor Augen, glaube niemand, das sei ein leichter Weg. Jesus, der so oft sagte: ‚Fürchtet euch nicht, denn Gott sorgt für euch!‘ Dieser Jesus sorgt sich an dieser Stelle um uns, dass wir verloren gehen könnten. Dass wir wohlverwahrt bleiben, verdanken wir nicht unserer eigenen Kraft, sondern der Kraft Gottes. Dass wir uns hinein flüchten in diesen Ort, an dem wir wohlverwahrt bleiben, betend, für sich allein und miteinander, denn dein, Gott, ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit und der Friede, der höher ist als alle Vernunft und unsere Herzen und Sinne allein bewahren kann in dir. Amen

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