Pastorin Susanne Zingel (Predigtreihe "Vater unser" I)

29. Januar 2012

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wir sind hier in den letzten Tagen nicht nur durch ein Tal der Tränen und der Trauer gegangen, sondern haben auch vielfältige Segnungen des Heiligen Geistes erfahren. Gerade in der Kraft des Miteinanderbetens an Orten und in Augenblicken, wo es gar nicht vorstellbar war, dass einer noch etwas sagen könnte, fanden wir uns wieder und beteten das Vaterunser. Einer gab den Impuls und alle sprachen mit. Ich hatte das Gefühl, wir hören uns und schauen uns dabei zu, wie wir das miteinander dann doch sprechen können.  Das sind ganz kostbare Momente. Auch bei den Konfirmanden, die sich noch hineinfinden in die Worte, staune ich: kaum sprechen sie die Worte mit, kommt in diesen Kindern und Jugendlichen eine gewisse Ergriffenheit durch. Weil da etwas anderes aus ihnen heraus  spricht. Wir haben uns in den vergangenen Tagen vielfach sehr intensiv erlebt und darin bekommen wir zu spüren, dass dieses Gebet, das Vaterunser, ein wirkliches Geschenk ist.

Im Neuen Testament wird zweimal  berichtet, wie Jesus seine Jünger das Vaterunser lehrte. Auch wir sagen im Gottesdienst oft. „Lasst uns miteinander beten mit den Worten, die Jesus selbst lehrte!“  Ich glaube aber nicht, dass Jesus seine Jünger gelehrt oder belehrt hat. Ich glaube, dass er sie beschenkt hat, indem er mit ihnen betete und sie mit hinein nahm in die Kraft seines Gebetes. Daran entzündete sich wiederum das Gebet seiner Jünger und all derer, die ihm folgten. Schauen wir ins Neue Testament hinein, dann fragen die Jünger, einmal bei Lukas: Herr, lehre uns beten:  Johannes lehrt doch seine Jünger auch. So lehre du uns jetzt auch. Und Jesus lehrt sie das Vaterunser. Da schwingt mit: „Ihr betet so, wir aber beten so“  das ist der geheime Impuls: Es gibt das richtige, vollkommene und es gibt das unvollkommene, vielleicht sogar falsche Gebet. Das hebt  Lukas hervor.

Bei Matthäus ist das Vaterunser in die Bergpredigt eingebunden und da macht Jesus selbst den Vorspruch und sagt: „Wenn ihr betet, dann plappert nicht einfach so daher wie die Heiden, die viele Worte machen. Nein, ihr sollt so beten:  und dann kommt das Vaterunser. Wieder spürt man, da ist eine Abgrenzung: Die anderen reden und reden, reden Überflüssiges daher.  Ihr aber sollt wahrhaftig beten. Auch da wird Jesus zu einem Lehrer. Ich glaube, das ist schon die frühe Kirche, die da zu uns spricht. Und wir können dahinter schauen. Gebet entzündet sich am Gebet. Wenn wir das Vaterunser sprechen, und wenn wir es nur nachsprechen, sprechen wir mit den Worten Jesu. Wir stehen in einer Gebetskette, die weit zurück reicht, bis ganz zum Ursprung. Das Vaterunser ist das Herzensgebet Jesu. Seine Herzenstiefe und Seelenfülle ist darin zu spüren. Auch Jesus selbst bekam als Kind das Beten schon geschenkt, indem er in eine betende Gemeinschaft hineinkam.  Aus dem Herzensgebet Jesu spricht hindurch, dass  er eingebunden war in das Gebet des Schema Jisrael. Höre Israel,  Dein Gott ist einer und du sollst ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allem, was du bist, mit all deiner Kraft. Du sollst es deinen Kindern einschärfen, du sollst mit ihnen so beten, täglich dreimal, dass sie es aufnehmen in Herz, Seele und Geist und auch verstehen. Binde es dir um die Hand und setze es dir zwischen die Augen, gehe mit diesem Gebet in allem, was du tust, durch deinen Tag. Als frommer Jude wurde dieses Gebet täglich dreimal gebetet und ganz sicher betete Jesus es auch. Viele Anklänge in den Evangelien leuchten durch bis hin zu uns. Vor allem aber die Tradition: Finde dich zusammen in der Gemeinde! Da seid ihr viele. Und dann betet ihr das Schema Jisrael. Dann gehst du wieder nach Hause und das gemeinsame Gebet möge nachhallen und weiterklingen in deinem eigenen Gebet. Zuhause betest du einfach weiter, was ihr in der Synagoge, im Tempel gebetet habt. Und damit gehst du deine Wege und kommst wieder zurück, wenn es wieder Schabbat ist und sich wieder Frieden ausbreitet. Und ihr wiederholt es in diesem steten Wechsel von ‚Alle miteinander und dann Du für Dich. Dieser stete Wechsel ist wie ein Herzschlag des Zurückkehrens ins Zentrum: Du empfängst einen Impuls und dieser Impuls durchströmt wieder den ganzen Körper. Vom Herzschlag, aus der Gemeinde heraus, so kann man sich vorstellen, werden wir wirklich und nicht nur im Bild ein Leib Christi - durchströmt von einem Geist. Dieser Geist findet sich und vergewissert sich im gemeinsamen Gebet. Diese Tradition des frommen jüdischen Gebets, die hat die frühe Kirche übernommen und das ist der größere Schatz als die belehrenden Hinzufügungen von Matthäus oder von Lukas.

Wenn wir eine der ältesten Kirchenordnungen hineinschauen, die Didache, da steht auch das Vaterunser, so wie wir es jetzt beten, keine Variation mehr, wie bei den Evangelisten. Und dazu, ganz kurz: So bete jeden Tag dreimal…. Genau wie das Schema Jisrael. Am Morgen, am Mittag und wenn du dich schlafen legst. Bete dieses Gebet dreimal. Und du wirst dich verbinden mit der Gemeinde, mit der Gemeinschaft der Geschwister, und über diese hinaus mit Vätern und Müttern im Glauben bis hin zu Jesus Christus selbst.

Das Beten, beten zu können, ist ein Geschenk. Oft hört man: Meine Mutter hat es mich gelehrt. So ist  die Erinnerung, eine fast rituelle Formel: Meine Mutter hat es mich gelehrt. In Wahrheit war sie die erste, die Abend für Abend gebetet hat: am Bett, mit mir, mit den Geschwistern. Vielleicht auch nicht die Mutter, vielleicht auch jemand anderes, aber er hat mit dir gebetet. Schwerer ist der Weg zum Gebet, wenn da keiner war am Anfang, wo wir die Worte offen und vertrauensvoll wie ein Kind ganz tief in uns eintauchen lassen, unsere ganze Seele damit ausfüllen lassen, voller Vertrauen, dass in allem Dunkel der Nacht, in allem „Jetzt schläfst du alleine ein“ einer das ist, der dich behütet und geborgen sein lässt. An dieser Grenze zwischen Wachen und Schlafen tauchen in ein Kind die Worte tief ein. Schwerer, den Weg zum Gebet zu finden, wenn da am Anfang niemand war.

Für uns alle bleibt es eine Aufgabe hindurchzureifen in einen erwachsenen Glauben, zu einem erwachsenen Beten, in dem wir nicht mit uns allein bleiben. Miteinander zu beten ist eine einladende, offene Geste. Beten zieht an. Ein Mensch, der betet, zieht andere an. Selbst auf Reisen, wenn wir eintauchen in eine andere Kultur, bleiben wir andächtig stehen, so wir einen anderen Menschen, in einer anderen Sprache, die wir nicht verstehen, beten hören.  Beten hat eine Aura von Würde, die uns respektvoll innehalten lässt. Ein Gebet zieht einen anderen Menschen ins Gebet hinein. Es ist, als wenn unser Geist, unsre Seele geradezu auf diesen Ton wartet. Sie wird gleichzeitig wach und lebendig – und still und ruhig. Wie in einem Konzert die Seele zum Schwingen kommen kann, so auch im Gebet. 

Beten ist wie das Echo unseres ganzen gelebten Lebens auf die Stimme Gottes. Im Gebet  stehen wir vor der Ewigkeit Gottes und sehen, wer wir da sind. Wer bist du vor Gott? Wo wir uns miteinander auf diese Frage einlassen, ist da eine so feine Verbindung unter uns Menschen, die nicht hoch genug zu schätzen ist. Jesus nahm seine Jünger mit hinein ins Gebet, indem er mit ihnen betete und mit allen, die um ihn herum waren. Und er betete nicht mit und für und vor den Menschen, sondern er betete innigst und sprach mit Gott.  Diejenigen, die dabei waren, wiederholten diese Worte, gingen mit ihnen ihren Weg, wiederholten sie wie ein Mantra: Vater unser im Himmel… und haben sich vielleicht nicht mehr gemerkt als nur diesen Anfang: Vater unser im Himmel… und wer nichts weiter weiß als diese Worte, der hat genug. Vater unser im Himmel… indem einer es nachspricht, mitspricht, heiligt er zugleich Gottes Namen. Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name… denn alles, was ist und alles, was wir sind, ist umgriffen von Gottes Güte. Wenn Sie heute weitergehen, dann nehmen Sie doch einfach diese  Worte mit. Vater unser im Himmel…

Lassen Sie hinter sich die Diskussion um die Unterscheidung zwischen, Vater unser, der du uns bist Vater und Mutter – diese Unterscheidung bleibt ganz an der Oberfläche.

Lassen wir auch zurück das, was wir von Gott sagen, wenn wir zu ihm beten – „Du gütiger Gott, Schöpfer des Lebens, Grund aller Güte“  - viele Gebete beginnen ja so – und tauchen statt dessen ein, so wie Jesus, der einfach sagt: Abba! Und Abba heißt übersetzt gar nicht richtig Vater als respektvolle Anrede, sondern heißt: ‚Papa, Vati, Papi. Lallend, Abba‘, wie ein Kind, das gerade richtig sprechen lernt. Und der Vater nimmt es auf den Arm und freut sich: Sieh da, es kann es sprechen und es sagt nicht nur Mama, es sagt auch Papa. So wie sich der Vater dann freut und antwortet und lacht und das Kind anregt: ‚Komm, sag es nochmal! Abba, Papa!‘ Und sie sprechen hin und her. So vertraut, wie in kleines Kind auf dem Arm des Vaters, das gerade sprechen lernt. Dies ist der erste Moment, wo die Worte kommen: Abba, Papa. So freut sich der Vater über jedes Wort, das wir an ihn wenden  und hilft und versteht, wo uns die Worte fehlen wie einem kleinen Kind.

Abba, Papa, Papi – so ist Gott hier nicht der Repräsentant elterlicher Autorität, sondern er ist das innigste und vertrauteste Gegenüber. Gott für dich und Gott in dir, der dich sieht, inniger wie es nicht sein kann. Und gleichzeitig: so wie ein Kind verbunden ist, ohne zu wissen, was das bedeutet: Einer hält dich, einer trägt dich, eine ganze Familie, eine ganze Gemeinschaft, eine Sippe trägt dich auf Händen. So ist Gott uns Vater unser.

„Meinen Gott finde ich auch ganz allein am Strand, in der schönen Natur, oder wer weiß wo“ -  das stimmt, weil Gott dich überall hält und trägt. Aber du wirst Gott nicht finden, ohne in Verbindung zu sein mit allem, was atmet, mit allem, was lebt. Vater unser, unser aller Vater, der uns verbindet und uns zusammenhält und uns schon eine Antwort gibt, bevor wir überhaupt darauf hoffen können, dass wir hineinkommen in die spannende Fülle, die widersprüchliche Vielfalt des Miteinanders und Gegeneinanders, die große Sehnsucht, dass alles Menschliche sich auf dieser Welt zusammenfinden möge, versöhnt und geliebt.

Die unbedingte Liebe zu den Menschen zu verknüpfen mit einer alle Horizonte übersteigenden Güte, der Güte Gottes, das ist der Weg Jesu. Und da nimmt er uns mit hinein, über alle Zeit und Raum hinaus zu hoffen, w eiter als der Horizont und gleichzeitig dort, wo wir sind, liebende Schritte zu wagen, Versöhnung zu üben, wahrhaftig und ehrlich. Da wird das Gebet wie die Heimkehr der Liebenden nach Hause. Sich so zu vergewissern, dass der Herzschlag noch übereinstimmt und daraus neue Kraft zu gewinnen, für das, was vor uns liegt.

Weil du Gott da bist, dürfen wir so sein, wie wir sind. Weil du da bist, Gott, dürfen wir über uns hinauswachsen und immer weiter hineinwachsen zu dir. Es gibt so viele kluge Fragen über Gott: Wer er sei?  Es gibt berechtigte Fragen: Wieso und warum lässt Gott das zu? Aber das einzige, was uns hilft, auszuhalten, dass es keine wirklichen Antworten auf diese Fragen gibt, ist die innere Haltung, betend einzutauchen in die Güte Gottes. Und wo immer wir sind, angefangen von der tiefsten Dankbarkeit, wenn ein Kind geboren wird bis hin zu der Ergriffenheit, wenn wir an einem Sterbebett stehen, zu allem, was unser Leben so ganz und gar umgreift, können wir sagen: Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt, denn dein Friede, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen. 

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