Kirchengeschichte

Die St. Severin-Kirche steht auf dem höchsten Punkt des Sylter Geestkernes. Schon in früherer Zeit wurden hier germanische Götter verehrt. Der Legende nach soll der Dänenkönig Knut der Große (ca. 995-1035) Geld und Steine zum Bau einer Kirche in Keitum gegeben haben. Gesichert ist die erste urkundliche Erwähnung der Kirche im Jahre 1240. 

Das Kirchenschiff, der Chorraum und die Apsis wurden aus Granitquadern, rheinischem Tuff und Backsteinen erbaut. Die ursprünglichen romanischen Stil-Elemente sind am Ostfenster der Apsis deutlich erhalten. Das Vorhaus an der Südseite heißt „Kalfaster“. Es wurde im 15. Jahrhundert wahrscheinlich als  Aufwärmraum (lat.cale facere= warm machen) angefügt. Seit 1979 wird es als Sakristei genutzt.

Der Kirchturm wurde erst um 1450 errichtet und ist das einzige backsteingotische Baudenkmal der Insel Sylt. In früheren Zeiten war er nicht nur Glockenturm, sondern auch Zufluchtsort und wurde bis 1806 als Gefängnis genutzt. Als Landmarke weithin sichtbar, konnten sich an ihm Seefahrer orientieren. Zwei an der Westseite vermauerte Teile eines gespaltenen Findlings werden als Gedenksteine der Turmstifterinnen „Ing und Dung“ bezeichnet. Der Turmraum wurde nach einem Unglück 1740 zugemauert. Erst 1981 wurde er wieder zum Kirchenschiff hin geöffnet.

Die Pest von 1350 und “De grote Mandränke“ von 1362  entvölkerten die Insel, die Kirche verwaiste. Doch aus dem Erzbistum Köln machten sich Missionare auf und gewannen die Sylter wieder für den christlichen Glauben. Dabei erhielt die Kirche den Namen „St.Severin“ nach dem Kölner Bischof aus dem 4. Jahrhundert.  Seit 1544 ist St.Severin evangelisch-lutherisch.

St. Severin ist von einem Friedhof umgeben, der mehrfach nach Norden hin erweitert wurde. Historisch wertvolle Grabplatten sind an der Nordseite des neueren Friedhofwalls aufgestellt worden. Skulpturen namhafter Künstler regen an, sich mit Leben und Tod auseinanderzusetzen.

1985 wurde die Kirche innen renoviert. Dabei ging man wieder zur ursprünglich hellgrünen Farbgebung der Holzteile zurück. Freigelegt wurden damals auch über der Nordempore die Reste eines Freskos des ‚Jüngsten Gerichts‘.

Der Taufstein, auf einer Sockelplatte mit vier Löwen um 1230 aus Bentheimer Sandstein gefertigt, ist das älteste Stück in der Kirche. Der Messingeinsatz wurde 1675 eingefügt. Ein hölzerner Taufdeckel mit Darstellung der Taufe Jesu hängt über dem Taufstein an der Wand.

Der Schnitzaltar, spätgotisch aus der Zeit um 1480, stammt wahrscheinlich aus der Schule des Lübecker Imperialissima-Meisters. Der Hauptaltar zeigt Gottvater auf dem Gnadenstuhl mit dem auferstandenen Christus. Ihm zur Seite stehen Maria mit dem Jesuskind und Bischof Severin. Die Seitenflügel zeigen die zwölf Apostel. Die innenliegenden Altarbilder zeigen Szenen aus der Passionsgeschichte und sind zum Teil zerstört. Das Abendmahlsbild in der Predella wurde später von einem unbekannten, vermutlich hiesigen Maler geschaffen.

Die Kanzel, ein frühes Renaissance-Stück von 1580, ursprünglich aus Mögeltondern in Dänemark, wurde 1699 vom Pastorenehepaar Cruppius der Kirche geschenkt. Die Seiten zeigen Adelswappen und die christlichen Tugenden: fides (Glaube), temperantia (Mäßigung) und justitia (Gerechtigkeit). Die Gestalt der Justitia trägt statt einer Augenbinde, Waage und Schwert ein blutendes Herz, das Zeichen der Liebe. Das Kanzelkreuz schuf Ernest Igl.

Die Kronleuchter sind Stiftungen von Kapitänen aus den Jahren 1683, 1698 und 1700. Sie wurden in den Niederlanden gearbeitet.

Gemälde und Plastiken: Die Decke von Chorraum und Kirchenschiff wurde 1913 von Franz Korwan (*1865, ermordet 1942 im KZ Noé/Pyrenäen) ausgemalt. Die Sternzeichen der nördlichen Hemisphäre erinnern daran, dass die Seefahrer ihren Weg  nach den Sternen richteten.

Unter der nördlichen Seitenempore finden sich: ein Votivbild von 1654, die barocken Gemälde „Kreuzabnahme“ und „Grablegung“, eine gestiftete Ikone, sowie das Bild „Mitten durch die Verzweiflung hindurchbrechend“ als ein Geschenk der Sylter Malerin Magda Rose-Weingardt (1902-1996). Unter der südlichen Seitenempore findet sich „Die Geißlung“ aus dem frühen 18. Jhdt. und ein Porträt des Keitumer Uwe Jens Lornsen, der bereits 1830 einen Verfassungsentwurf für „Schleswigholstein“ schrieb und dafür als Freiheitskämpfer ins Gefängnis ging. Die Holzfigur „Johannes der Täufer“ an der Südwand ist oberrheinische Arbeit, 17. Jhdt. Die Holzplastik im Chorraum, wohl eine spanische Arbeit aus dem 15. Jhdt., stellt den Eremiten Antonius, den „Wüstenvater der Mönche“ dar.

Die Darstellungen von „Martin Luther“ und von dem Syltchronisten „Christian Peter Hansen“ auf der Empore schuf der Tinnumer Maler Prof. Andreas Dirks (1865-1922).

Im Turmraum findet sich die Plastik „Totengedenken“ von Ernest Igl, der „Kerzenengel“ von Ulrich Lindow und ein Kreuz  von Anatol Herzfeld aus Treibholz gefertigt.

Die Orgel: Die neue Orgel der St. Severin-Kirche wurde im Jahre 1999 von der Firma Mühleisen, Leonberg, erbaut. Sie ist mit 46 klingenden Registern die größte Kirchenorgel in Nordfriesland und gehört zu den klangschönsten Instrumenten des Nordens.

Der Müllerstuhl im Chorraum erinnert mit seiner Form und seinen Verzierungen an einen Beichtstuhl, ist aber die ehemalige Loge des wohlhabenden Munkmarscher Müllers Nickels Jensen.

Die Glocken: In der Glockenstube im Turm hängen drei Glocken. Die alte gis’-Glocke (700 Kg) trägt die Inschrift: „Tote beklage ich, Lebende mahne ich, Gott, den Herrn, lobe ich.“ Die fis’-Glocke (841Kg) trägt die Inschrift: „Gott, der Herr, ist Sonne und Schild“, dazu die Namen des Brautpaares, zu deren Trauung die Glocke gestiftet wurde. Die h’-Glocke (381 Kg) trägt die Jahreszahl: A.D. 1966 und den Namen des Kirchenvorstehers Jens Uhl.

Das Dach: Der eichene Dachstuhl stammt von 1216 und ist damit der älteste Dachstuhl Norddeutschlands. Mit schwerem Blei gedeckt hat er jahrhundertelang alle Stürme überstanden. 1885 ersetzte man das Blei durch Schieferschindeln. Bei einer notwendigen Instandsetzung entschied man sich 1991 wieder Blei aufzubringen. Die Apsis hat ihre Bleibedachung immer behalten. Der Turm ist mit Dachpfannen in sogenannter Mönch-Nonnenlegung gedeckt.