Bericht über die Reise der Kirchenführer

05. November 2012
Ist eine Kirche wie St. Severin mehr als 800 Jahre alt, dann verbindet sich mit ihr so viel Geschichte, dass man daran ohne Ende forschen kann. Der Kreis der Kirchenführer von St. Severin gehört schon zu den fachkundigen Kirchenkennern, aber gerade das bringt sie auf immer neue Fragen, denen sie dann weiter nachgehen. Darum unternimmt dieser Kreis in jedem Jahr eine Forschungsreise. Im November bereisten zehn Kirchenführer und Kirchenführerinnen vier Tage lang mit der Wiedingharde das nahegelegene Festland und entdeckten dabei: Man muss nicht in die Ferne schweifen, um Schätze zu entdecken.

Mit einer Fährenüberfahrt nach Dänemark begann unsere Reise. Wir fuhren vorbei an den Kirchen von Römö und Hjerpsted. Hier in Südjütland waren wir im letzten Jahr unterwegs gewesen und hatten viele architektonisch mit St. Severin verwandte Kirchen entdeckt. Auf dieser Reise war auch die Idee entstanden, mit der Wiedingharde die direkt gegenüber Sylt auf dem Festland liegenden Kirchen zu besuchen und nach Verbindungen zu forschen. In den vier Tagen unserer Reise sahen wir nicht nur romanische Kirchen, Kunstschätze in ungeahnter Schönheit, sondern wir lernten auch  Menschen kennen, die ihre Kirchen genauso lieben wie wir St. Severin. 

In der Kirche in Aventoft konnten wir gleich drei mittelalterliche Schnitzaltäre bewundern. Neben dem Altar in der Mitte des Chorraumes  sind auch noch ein Marienaltar und ein Altar mit einer Figur der heiligen Margarethe erhalten. Beide Altäre entstanden um 1500 und sollen aus der gleichen Imperialissima-Werkstatt wie unser Altar in St. Severin hervorgegangen sein. Wir haben daher Maria und Margarethe besonders lange in die Augen geschaut, ob wir Ähnlichkeiten mit unserer Maria entdecken können. Eins verbindet sie auf jeden Fall, sie sind wunderschön.

Wenig später standen wir vor der Kirche von Klixbüll und schauten weithin über grünes Marschland. Wenn uns Pastor Jens Uwe Albrecht nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, wäre uns der sanfte Abhang unmittelbar vor der Kirche gar nicht aufgefallen. Bis hierher reichte einst der Meeresstrand, als man noch mit Schiffen bis nach Leck segeln konnte. Während man vor 800 Jahren von St. Severin aus dort, wo jetzt das Wattenmeer ist, noch auf viel Grünland schauen konnte, stand diese Kirche damals direkt am Meer. Nun hat es sich genau umgekehrt. Hier konnten wir etwas erahnen von dem großen Zeitenlauf, der unsere Kirchen verbindet. So alte Kirchen zu erhalten ist aufwändig. Auch in Klixbüll musste wie bei uns der Kirchturm saniert werden. Wir konnten uns davon überzeugen, dass sich dies anstrengende Unternehmen gelohnt hat.

Weiter ging es auf unserer Reise. In der Johanneskirche in Neukirchen lernten wir mit Hans Carstensen den ehemaligen Vorsitzenden der Südtonderaner Kirchenkreissynode kennen und zugleich den Verfasser eines Buches über alle Kirchen der Wiedingharde. Seit fast 60 Jahre erforscht und verfolgt Hans Carstensen hier die alte und neue Kirchengeschichte.

In der Marienkirche in Horsbüll erlebten wir unseren Küster Redlef Volquardsen zum ersten Mal als Kirchenführer. Wir waren alle beeindruckt von seiner fachkundigen Führung durch seine Heimatkirche. Sollte ein Kirchenführer einmal verhindert sein, wird unser Küster auch hier bei uns einspringen müssen, denn er hat bewiesen, wiegut er das kann.

Besonders gastfreundlich wurden wir auf Föhr begrüßt. Pastorin Hanna Wichmann führte uns durch ihre Nikolaikirche in Boldixum und hatte auch noch für uns einen Bus organisiert. Damit konnten wir auf einfachem Weg St. Laurentii in  Süderende und St. Johannis in Nieblum besuchen. Alle drei Kirchen von Föhr sind in Alter und Bauweise mit St. Severin verwandt. Die Sage erzählt, dass St. Johannis sogar vom gleichen Kirchbaumeister erbaut worden sein soll zu einer Zeit, als man noch zu Pferd bei Ebbe von einer Insel zu anderen reiten konnte.

Mit dem ehemaligen Lehrer von Föhr Harald Nissen erlebten wir in Süderende einen Meister im Geschichtenerzählen. Vom glücklichen Matthias, dem erfolgreichsten Walfänger aller Zeiten bis hin zu dem Steinmetz, der indem er das erste der für Föhr typischen blühenden Grabsteinmotive schuf, sich als ein wahrer Seelsorger erwies – die Erzählungen von Harald Nissen verfolgten wir alle gespannt.

Am meisten bewegt hat uns dann aber nicht die ferne Geschichte, sondern ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Ladelund. Fast alle in unserer Gruppe hatten diesen Ort schon einmal besuchen wollen und waren doch zum ersten Mal dort. Vom 1. November  bis zum 16. Dezember 1944 war hier ein Arbeitslager eingerichtet. In dieser Zeit verloren über 300 Jungen und Männer ihr Leben. Pastor Johannes Meyer, der ihnen ein Begräbnis einforderte, stellte unmittelbar nach dem Krieg eine Verbindung zu den Hinterbliebenen her. So fand hier an den Gräbern bereits 1946 eine erste Gedenkstunde statt.  Als uns die Leiterin der Gedenkstätte Karin Penno-Burmeister in den Raum der Stille führte, lasen wir dort an die Wand geschrieben den 84. Psalm. Der Vers: „Gott der Herr ist Sonne und Schild.“ steht auch über unserem Altar, wieder war eine Verbindung nach St. Severin geschlagen, und damit die Hoffnung, dass unsere Kirchen Orte bleiben an den Glauben und widerständige Friedenskraft wachsen kann.

In diesen vier Tagen wurden viele Einladungen ausgesprochen und Verabredungen getroffen, wiederzukommen, denn ein Besuch ist viel zu wenig für so viel Kirchengeschichten. Auf jeden Fall haben wir erfahren, dass auch wenn Sylt als Insel vom Festland getrennt ist, wir durch die Geschichte eng miteinander verbunden sind. Wir haben viel von den Schwierigkeiten der Festlandsgemeinden gehört. Es fehlt an Kraft und Zeit und Mitteln, die Kirchen zu erhalten, sie überhaupt offen zu halten. Wo ein Pastor vier Kirchen zu betreuen hat, wird nur noch einmal im Monat Gottesdienst gefeiert. Umso wichtiger ist es, in Verbindung zu bleiben, voneinander zu wissen und wenn möglich sich zu unterstützen. Eins haben wir uns fest vorgenommen. Im kommenden Jahr werden wir einen Nachmittagsgottesdienst in Klanxbüll besuchen, denn diese kleine Kirche gleich hinter dem Damm ist ein wahres Juwel. Den Termin dafür geben wir im nächsten Gemeindebrief bekannt.